In memoriam Dr. Rainer Opitz (1954-2019)

von Fritz Rudolf Künker

„Damit das Mögliche entstehe, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“
Hermann Hesse

21. März 2019 – Die Numismatik in Deutschland hat einen Visionär verloren: Am 7. Februar 2019 starb Dr. Rainer Opitz im Alter von 64 Jahren.

Rainer Opitz (1954-2019).

Rainer Opitz (1954-2019).

Der Unternehmer Rainer Opitz ist in der numismatischen Welt bekannt durch sein Engagement für Münzen und Medaillen zur Geschichte der Reformation.

Die 500-Jahrfeier der von Martin Luther durch den Thesenanschlag am Portal der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 ausgelösten „Revolution“ und schließlich herbeigeführten Spaltung der römisch-katholischen Kirche in Europa blieb für Rainer Opitz das zentrale historische Ereignis, das sein Leben als Sammler stark geprägt hat. Luther und die Reformation haben die politische Landschaft in Deutschland, aber auch in Europa, massiv verändert. Die Spaltung der Kirche war tief im Bewusstsein der Menschen verankert, das Misstrauen gegenüber der anderen Konfession prägte zumindest in Deutschland das gesellschaftliche Leben fundamental, bis in die heutige Zeit.

Die konfessionelle Spaltung wurde vor allem durch die gesellschaftlichen Veränderungen in Folge des Zweiten Weltkrieges verschärft. Die Vertreibung der Deutschen aus den östlichen Provinzen Pommern, Schlesien und Ostpreußen sowie der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei führten im Westen zu einer ganz neuen Konfrontation im geschrumpften Deutschland, das sich zweistaatlich organisieren musste: Im Westen entstand mit der Bundesrepublik Deutschland eine parlamentarische Demokratie, im Osten die Deutsche Demokratische Republik (von Kanzler Adenauer lange als Sowjetzone diffamiert), eine Diktatur stalinistischer Prägung unter Führung der SED als moskauabhängiger Einparteienstaat.

Der wirtschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland wäre ohne die neuen Bürger aus dem Osten so nicht denkbar gewesen. Die Vermischung der Heimatvertriebenen mit der alteingesessenen Bevölkerung führte dennoch zu vielen Konflikten, nicht zuletzt durch zahlreiche Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten. Es hat zu lange gedauert, bis es zu der positiven Entwicklung der Ökumene kam. Das Thema ist aktueller denn je, ist doch die römisch-katholische Kirche durch zahlreiche Skandale und Verbrechen von Klerikalen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in eine existentielle Krise geraten. Die zentralen Forderungen nach Abschaffung des Zölibats für katholische Geistliche und die Stärkung des Einflusses der Frauen sind heute für die katholische Kirche von größter Bedeutung, obwohl das Papsttum sich mit fundamentalen Veränderungen schwer tut. Es mögen diese tieferen soziologischen Fragen gewesen sein, die Rainer Opitz neben seiner Sammelleidenschaft umgetrieben haben.

Vor einigen Jahren hat er mir in einem sehr persönlichen Gespräch gesagt, dass er unheilbar erkrankt und seine gesundheitliche und persönliche Zukunft ungewiss sei. Daher habe er sich entschlossen, seine Sammlung durch das Haus Künker veräußern zu lassen. Es war ihm ein zentrales Anliegen, dass das von ihm initiierte Korpuswerk seiner eigenen Sammlung durch Künker verlegt wird. Leider hat er das Werk nicht mehr selber in Augenschein nehmen können. Es wird aber noch in 2019 erscheinen, was uns Ehre und Verpflichtung zugleich ist.

Oliver Köpp hat 2017 im Rahmen unserer Auktion 297, durch die ein bedeutender Teil der Sammlung Rainer Opitz veräußert wurde, ein Porträt des Sammlers Rainer Opitz verfasst, das hier erneut veröffentlicht wird.

Seine Witwe Sabine Reif hat in der Traueranzeige für Rainer Opitz Hermann Hesse zitiert. Die Aktivitäten und das Streben von Rainer Opitz werden darin auf den Punkt gebracht: „Damit das Mögliche entstehe, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ In der Gedenkfeier für Rainer Opitz am 28. Februar 2019 im Kunstforum in Potsdam wurde dieses Motto, mit dem Rainer Opitz seine Mitarbeiter und Freunde motiviert hat, mehrfach hervorgehoben. Rainer Opitz hat es mit seiner starken Führungsqualität, dabei stets authentisch, weit gebracht: Seine promota GmbH beschäftigt heute 13.000 Mitarbeiter.

Wegen seiner sozialen Einstellung galt Dr. Opitz bei seinen Mitarbeitern als Vorbild. Wenn dieser fordernde und durchsetzungsstarke Unternehmer die Nerven seiner Führungskräfte mit seiner Diskutierfreudigkeit bis an die Grenzen der Belastbarkeit strapaziert hat, so blieb doch immer für jeden klar: Rainer Opitz ging es nur um die Sache, die er vorantreiben wollte. Die ihm zugewiesenen Führungsqualitäten mag er bereits während seiner Karriere bei der Nationalen Volksarmee erworben haben. Nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin wurde er in der Spätphase der DDR zum Oberstleutnant der NVA befördert.

Rainer Opitz hinterlässt eine große Lücke, in seiner Familie und in seinem Unternehmen. Als engagierter Sammler wird er in der Welt der Numismatik mit seinem Thema „Reformatio in Nummis“ in Erinnerung bleiben.

Dr. Rainer Opitz. Portrait eines Münzsammlers (2017)

Von Oliver Köpp

„Religion ist… nicht nur etwas Heiliges, Wunderbares, Tröstendes, Lebensspendendes, sondern etwas Gefährliches: Allenthalben finden wir religiöse Rauschzustände und Ausbrüche des religiösen Fanatismus. Unzählige Male in der Geschichte hat die Religion ihren Anspruch mit Gewalt, mit Feuer und Schwert verfochten…“
Friedrich Heiler, 1959


Rainer Opitz wurde 1954 in der am Rande des Nationalparks Sächsische Schweiz gelegenen Kreisstadt Sebnitz geboren. Wie bei den meisten Münzsammlern wurde sein numismatisches Interesse bereits in seiner Jugend geweckt, als er mit Reichsmünzen aus dem Familienbesitz in Kontakt kam.

Im Alter von 14 Jahren beging er nicht, wie damals in der DDR üblich, die Jugendweihe, sondern wurde 1968 evangelisch-lutherisch konfirmiert. Ein Jahr später erwarb der Schüler seine erste Medaille mit Bezug zur Reformation. Für 5 D-Mark erhielt er in einem Intershop die von der Deutschen Demokratischen Republik verausgabte Kupfermedaille auf die 450-Jahrfeier der Reformation.

1981 kam es zu einem wegweisenden Zusammentreffen mit dem Potsdamer Numismatiker Jürgen Koppatz, Autor des Buches „Geldscheine des deutschen Reiches“. Koppatz regte Rainer an, seine Sammeltätigkeit auf die Numismatik rund um die Reformation zu konzentrieren und ein Sammlungskonzept zu entwickeln. Im selben Jahr nahm er das Studium der Philosophie mit dem Schwerpunkt „Theorie und Geschichte der Religion“ an der Humboldt-Universität zu Berlin auf, welches er 1985 abschloss. Zwischen 1987 und 1990 arbeitete Rainer Opitz seine Promotion zum Verhältnis von Religion und Militär in der Geschichte aus, die gleichzeitig als theoretische Untermauerung seines Sammelthemas diente. In der Zwischenzeit war die friedliche Revolution in der DDR vollzogen und Deutschland wiedervereint. Mit der Wende verließ Rainer Opitz den Pfad der Wissenschaft und übernahm eine leitende Position in einem Bielefelder Wirtschaftsunternehmen.

Bereits 1983 war in Zürich die rund 1.000 Positionen umfassende Sammlung Prof. Robert Whiting mit dem Thema „Martin Luther und die Reformation auf Münzen und Medaillen“ versteigert worden. Der Erwerb des Sammlungskatalogs war für Rainer richtungsweisend: Einerseits brachte das Studium des Kataloges neue Anregungen, andererseits wich der ersten Euphorie die Erkenntnis, dass sein Thema anscheinend schon umfassend gesammelt und dargestellt worden war. Der erste Frust war aber schnell verflogen. Rainer stellte fest, dass viele Bereiche der geprägten Reformationsgeschichte noch unberührt waren. Diese Erkenntnis spornte den ehrgeizigen Sammler an.

2001 kündigte Rainer Opitz sein Angestelltenverhältnis und gründete sein eigenes Dienstleistungsunternehmen. Dessen wirtschaftlicher Erfolg ermöglichte es ihm, seine Sammeltätigkeit in neuem Ausmaß und noch systematischer durchzuführen. Inzwischen hatte er zahlreiche Verbindungen in der numismatischen Welt geknüpft, neben Auktionshäusern und Münzhändlern auch zu Sammlern, so u.a. zu dem in Solingen beheimateten Werner Beck, mit dessen Unterstützung er mit dem Aufbau einer mittlerweile umfangreichen Bibliothek zur „Reformatio in Nummis“ begann. So besuchte er im Frühjahr 2004 unsere Auktion 89, in der wir eine numismatische Bibliothek veräußerten. Anlässlich dieser Versteigerung lernte ich Rainer persönlich kennen und schätzen, woraus sich im Lauf der Jahre eine Freundschaft entwickelt hat.

Im Jahr 2005 kam es zum Zusammentreffen mit dem Sammler Klaus-Peter Brozatus. Dieser ist nicht nur für seine Kunstfertigkeit bei der Herstellung galvanoplastischer Kopien von Münzen und Medaillen bekannt, sondern gilt zudem als Spezialist für die Numismatik rund um die Reformation. Für Rainer war das Kennenlernen ein doppelter Glücksfall, da Klaus-Peter Brozatus im Laufe der Jahre nicht nur sein umfangreiches Wissen an Rainer Opitz weitergab, sondern 2009 seine Sammlung von Galvanos zur Reformation an ihn veräußerte. Gemeinsam mit Dr. Stefan Rhein, dem Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, entstand die Idee, den Bestand der numismatischen Stiftungssammlung aufzuarbeiten und zu publizieren. Durch die intensiven Bemühungen des Kenners Klaus-Peter Brozatus konnte 2015 unter Herausgeberschaft von Dr. Rainer Opitz das neue Zitierwerk zur Reformationsnumismatik im numismatischen Verlag Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG veröffentlicht werden.

Rainer Opitz im Gespräch mit Margot Käßmann bei der Ausstellungseröffnung auf der Wartburg im Mai 2014.

Rainer Opitz im Gespräch mit Margot Käßmann bei der Ausstellungseröffnung auf der Wartburg im Mai 2014.

Bereits im Jahr zuvor war es zu einer Sonderausstellung „Reformatio in Nummis - Luther und die Reformation auf Münzen und Medaillen“ auf der Wartburg gekommen. Die im Mai 2014 von der ehemaligen Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche Hannover, Margot Käßmann, eröffnete Ausstellung zeigte als Schwerpunkt  rund 100 Stücke aus der Sammlung von Rainer Opitz. Wie groß das Interesse an diesem von Elisabeth Doerk, M. A. kuratierten Event war, zeigen die beeindruckenden Publikumszahlen: rund 400.000 Besucher in einem Ausstellungszeitraum von 1,5 Jahren!

Aktuell arbeitet Rainer Opitz in Zusammenarbeit mit der Firma Künker an der Publikation seiner aus ca. 6.000 Einzelobjekten bestehenden Sammlung - sie soll noch dieses Jahr erscheinen.

Privat hat Rainer dieses Jahr den Absprung aus dem Berufsleben vollzogen. Sein Ziel, pro Jahr ein bis zwei Vorträge zum Sammelthema Reformation in Münzvereinen zu halten, klappt nach eigener Aussage „ganz gut...“.

Rainer Opitz ist mir persönlich als Freund, aber auch als ehrgeiziger und zielstrebiger Sammler bekannt - wenn er ein neues Objekt für seine Sammlung auf einer Auktion ersteigern möchte, sind  seine Konkurrenten zumeist unterlegen. Bei aller Zielstrebigkeit ist er dabei immer von einer beispiellosen Nonchalance und Großzügigkeit, ein Charakterzug, den man nicht hoch genug bewerten kann.

Jetzt trennt er sich von seiner Sammlung, dem umfangreichsten numismatischen Objekt zum Thema Reformation, das je zusammengetragen wurde. Nachdem wir in unserer Berlin-Auktion dieses Jahr die ersten 100 bedeutenden Stücke erfolgreich verkaufen durften, kommen nun 1.000 weitere Exponate der Sammlung Opitz zur Versteigerung, weitere Teile werden folgen. Der Numismatik bleibt Rainer Opitz auf jeden Fall erhalten, ein neues Sammelgebiet, das an dieser Stelle nicht verraten wird, ist schon gefunden. Wir, die Mitarbeiter der Firma Künker, freuen uns schon auf kommende Geschichten um und mit Dr. Rainer Opitz...

In unserem Archiv finden Sie noch einen Artikel über die Ausstellung „Reformatio in Nummis“.

Im folgenden Jahr, 2015, fungierte Dr. Rainer Opitz als Herausgeber eines von Künker veröffentlichten Katalogs, über den wir ebenfalls berichteten.

Hier lesen Sie außerdem den Auktionsnachbericht.

Einen Nachruf von Anna Franziska Schwarzbach finden Sie auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst e.V.

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