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Einleitung "Die Zürcher und ihr Geld" Teil 1

von Ursula Kampmann

mit freundlicher Genehmigung des MoneyMuseum

Unsere Serie „Die Zürcher und ihr Geld“ stellt ihnen in loser Folge jeweils ein spannendes Kapitel Schweizer Numismatik und Wirtschaftsgeschichte vor. Einen ersten Überblick gibt die Einleitung in zwei Teilen. Verfolgen Sie im ersten Teil die Entwicklung vom Anfang an bis ins 16. Jahrhundert.

Kelten. Helvetier? Stater vom Soy-Typ, nach 250. Kopf des Apollon mit Lorbeerkranz n. r. Rs. Biga n. r. galoppierend.Kelten. Helvetier? Stater vom Soy-Typ, nach 250. Kopf des Apollon mit Lorbeerkranz n. r. Rs. Biga n. r. galoppierend.

Kelten. Helvetier? Stater vom Soy-Typ, nach 250. Kopf des Apollon mit Lorbeerkranz n. r. Rs. Biga n. r. galoppierend.

Der keltische Anfang
Zum ersten Mal kamen die Ahnen der heutigen Zürcher in keltischer Zeit mit der griechischen „Erfindung“ Geld in Kontakt. Wann genau dies geschah, wissen wir nicht. Außerdem ist der Zeitpunkt, zu dem keltische Stämme erstmals eigene Münzen prägten, derzeit sehr umstritten. Datierungen schwanken von der Mitte des 3. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts. Sicher ist, dass Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. die Geldwirtschaft im Raum des heutigen Zürich die Naturalwirtschaft ergänzte. Dafür sprechen zahlreiche Funde von Potinmünzen.
Dieses Kleingeld aus unedlem Metall diente nicht dazu, Schätze anzuhäufen oder hohe Zahlungen zu begleichen. Man brauchte es, um die kleinen Beträge des Alltags zu zahlen, sodass die Geldwirtschaft zu dieser Zeit bereits relativ weit in Zürich verbreitet gewesen sein muss.

Im Römischen Reich
Mit der Eroberung des nördlichen Alpenvorlands im Jahre 15 v. Chr. durch Drusus und Tiberius verbreitete sich das römische Geldsystem auch im Raum des heutigen Zürich. Eine ausgeklügelte Geldwirtschaft ersetzte den Tauschhandel vor allem in den städtischen Siedlungen. Während des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. beherrschte der Denar den Wirtschaftsverkehr im gesamten Römischen Reich. Fast 200 Jahre lang blieb er stabil, das heißt es konnten 25 Denare gegen einen Aureus, eine Goldmünze, getauscht werden. Erst als die Verteidigung der römischen Grenze die Zentralregierung mehr kostete, als durch Steuern und Abgaben eingenommen werden konnte, geriet das Währungssystem aus den Fugen. Das Geld wurde „schlechter“, indem der Silbergehalt des Denars und seiner Nachfolgemünze, des Antoninians, bis auf ein Minimum herabgesetzt wurde. Da die Münze zu dieser Zeit nicht wie heute nur einen Nominalwert besaß, sondern das Vertrauen der Benutzer von ihrem realen Metallwert abhing, kam es zu einer Inflation. Das römische Geld verlor gerade in den ländlichen Gebieten immer mehr an Bedeutung.

Zürich. Prägung der Fraumünsterabtei. Dünnpfennig, 2. Hälfte 11. Jh. Kirchenfassade. Rs. Kreuz, zwischen den Kreuzbalken Kringel.Zürich. Prägung der Fraumünsterabtei. Dünnpfennig, 2. Hälfte 11. Jh. Kirchenfassade. Rs. Kreuz, zwischen den Kreuzbalken Kringel.

Zürich. Prägung der Fraumünsterabtei. Dünnpfennig, 2. Hälfte 11. Jh. Kirchenfassade. Rs. Kreuz, zwischen den Kreuzbalken Kringel.

Das Münzrecht der Fraumünsterabtei
Die regelmäßige Versorgung der Schweiz mit römischen Münzen endete im Jahr 401, als Stilicho die römischen Soldaten aus dieser Provinz nach Italien zurückrief. Die einheimische Bevölkerung war damit sich selbst überlassen. Natürlich endete auch die Versorgung mit römischen Münzen. Die Naturalwirtschaft bzw. der Tauschhandel ersetzte die Geldwirtschaft. Goldmünzen für nicht alltägliche Geschäfte, bei denen es um hohe Summen ging, ergänzten dieses System. Das blieb so zur Zeit der Völkerwanderung und im gesamten Frühmittelalter. Vereinzelte Münzen der Merowinger, der karolingischen Könige oder der Herzöge von Schwaben, wie sie im Verlauf der nächsten 600 Jahre ausgegeben wurden, spielten im Alltag kaum eine Rolle.
Dies scheint auch für Prägungen zu gelten, von denen man heute annimmt, sie seien im Auftrag der Äbtissin der Fraumünsterabtei ausgegeben worden. Ihr hatte Heinrich III., deutscher König von 1039 bis 1056, vermutlich bereits im Jahr 1045 das Münzprivileg verliehen. Schriftlich belegt ist dieses Recht allerdings erst in einer Urkunde aus dem Jahr 1238.
Mit dem Münzrecht waren erhebliche materielle Vorteile verbunden. Dem Prägeherrn fiel der so genannte Schlagschatz zu. Münzen zu prägen, war also ein Geschäft, keine Dienstleistung! Deshalb wurden Münzen nur dann ausgegeben, wenn damit ein Gewinn erzielt werden konnte. Oder man setzte den Silbergehalt der Münzen so lange herab, bis das Prägen lohnend wurde. Dies war selbstverständlich keine gute Voraussetzung für eine kontinuierliche Versorgung mit wertstabilem Geld, wie sie eine wachsende städtische Gemeinschaft für ihren Handel brauchte. So lag es im Interesse der Bürger, sich in die Belange der Münzprägung einzumischen.

Zürich. Pfennig, Typ

Zürich. Pfennig, Typ "vierzipfliger Brakteat". Brustbild der Äbtissin des Fraumünsters mit Schleier von vorne.

Aufstieg der Zürcher Bürger
Neben dem Fraumünster war aus der alten römischen Siedlung eine Stadt entstanden. Die Bedeutung der darin lebenden Kaufleute nahm im 13. Jahrhundert stark zu. Grund dafür war vor allem die Erschließung der Schöllenenschlucht, durch die der Gotthardpass zur wichtigsten Handelsroute zwischen Italien und dem Rhein wurde. Wegen seiner Lage an diesem Weg gewann Zürich große Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz.
Der durch den Handel errungene Reichtum gab den Bürgern ein neues Selbstbewusstsein gegenüber der Äbtissin. Sie begannen, bei Geschäften der Fraumünsterabtei mitzureden. Hatte zum Beispiel die Äbtissin 1238 ihr Münzrecht noch an private Unternehmer verpachtet, konsultierte sie 1272 bereits den Rat der Stadt Zürich, um dessen Zustimmung zur Wahl der Pächter ihrer Münzstätte zu erhalten. Städtische Beamte bekamen das Recht, Schrot und Korn der Münzen zu prüfen, um einen gleich bleibenden Wert der Pfennige zu garantieren. Im Jahr 1364 schloss die Äbtissin ihren Pachtvertrag direkt mit dem Bürgermeister, dem Rat und den Zunftmeistern. Damit war das Münzrecht praktisch – wenn auch nicht formaljuristisch – in den Besitz der Stadt Zürich übergegangen.

Zürich. Prägung der Stadt. Plappart, 1425-1440. Zürcher Wappen in einem Vierpass. Rs. Adler.Zürich. Prägung der Stadt. Plappart, 1425-1440. Zürcher Wappen in einem Vierpass. Rs. Adler.

Zürich. Prägung der Stadt. Plappart, 1425-1440. Zürcher Wappen in einem Vierpass. Rs. Adler.

Zwischen Habsburg und Eidgenossen
Durch die Öffnung des Gotthardpasses war nicht nur der Handelsweg nach Italien leichter geworden, die drei Waldstätte (Uri, Schwyz und Unterwalden) hatten auch eine neue strategische Bedeutung erhalten, was den deutschen Kaiser, damals ein Habsburger, veranlasste zu versuchen, seine Macht in diesen Gebieten effektiver durchzusetzen. Was dann geschah, ist in den schweizerischen Legendenschatz eingegangen. Zürich jedenfalls schloss sich 1351 den Eidgenossen an.
Damit gerieten all die Zürcher Adligen, die den Habsburgern als Lehnsmänner verpflichtet waren, in eine Notlage. Die Zürcher Bürger zwangen sie, sich zu entscheiden, ob sie auf den Schutz Habsburgs vertrauen wollten oder auf den der städtischen Gemeinschaft von Zürich. Die Folge davon war, dass die meisten unabhängigen Adelsherrschaften im Laufe der Zeit in Zürcher Gebiet aufgingen.
Während die Stadt Zürich wuchs und ihre Macht ausdehnte, ging es mit der Fraumünsterabtei ständig bergab. Ihren Tiefpunkt erlebte sie unter Anastasia von Hohenklingen, Äbtissin von 1412 bis 1429. Deren ständiger Mangel an Bargeld zwang sie, viele wichtige Güter und Privilegien der Abtei zu verkaufen, darunter dürfte auch das Münzrecht gewesen sein. Denn spätestens seit 1418 prägte Zürich in seinem eigenen Namen, ohne einen neuen Pachtvertrag mit der Äbtissin geschlossen zu haben. Im Jahr 1425 bestätigte Sigismund, deutscher König von 1410 bis 1437, das Recht der Stadt Zürich auf eine eigene Münzprägung. Gleichzeitig legte er ausdrücklich fest, dass auch das Fraumünster dieses Privileg besaß, wovon die Äbtissin allerdings bis zur Auflösung der Abtei im Jahr 1524 keinen Gebrauch mehr machte.

Große Städte brauchen großes Geld
Im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts erlebte der internationale Handel einen enormen Zuwachs. Neue Formen des Geldtransfers, die in Italien seit dem 14. Jahrhundert üblich waren, verbreiteten sich auch in Zürich. Dazu gehörte nicht nur der Gebrauch des Wechsels (eines Instrumentes für überregionalen, bargeldlosen Zahlungsverkehr), sondern auch international akzeptierte Goldmünzen, wie sie Florenz, Genua und Venedig prägten. Da Zürich nur über das Recht verfügte, Silber zu prägen, war es für Goldmünzen auf auswärtige Prägungen angewiesen. So wurde die Florentiner Goldmünze, die man in Zürich Gulden nannte, zur beliebtesten Handelsmünze der Stadt. Sie war von so großer Bedeutung, dass die Zürcher noch im 19. Jahrhundert, als längst keine echten Gulden mehr umliefen, in Rechnungsgulden zu 40 Schilling rechneten.
Der enorme Zuwachs an Waren und Handelsverbindungen schuf das Klima, um auch in Zürich darüber nachzudenken, schwerere Münzen für größere Beträge zu prägen. Erste Versuche gab es mit dem Plappart, von dem 26 auf einen Goldgulden gehen sollten. Er wurde um 1417 erstmals ausgeprägt.

Zürich. Dicken 1505. Die Stadtheiligen Felix und Regula, in den Händen ihre abgeschlagenen Häupter. Rs. Adler.Zürich. Dicken 1505. Die Stadtheiligen Felix und Regula, in den Händen ihre abgeschlagenen Häupter. Rs. Adler.

Zürich. Dicken 1505. Die Stadtheiligen Felix und Regula, in den Händen ihre abgeschlagenen Häupter. Rs. Adler.

Doch der wirtschaftliche Niedergang in Folge von Pest und Krieg brachte diese Entwicklung zum Stehen. Erst ein knappes Jahrhundert später, um 1500, begann man in Zürich das bereits ausgefeilte und fein gegliederte Münzsystem von Bern nachzuahmen. Dort gab es Goldgulden, Guldiner – Silbermünzen im Wert eines Goldguldens –, Dicken und Batzen. Zunächst beschränkte sich Zürich auf die Silbermünzen; das königliche Recht, Goldmünzen zu prägen, erhielt es erst im Jahr 1521 von Karl V., deutscher König 1519 bis 1556. Damit besaß Zürich das Recht, jederzeit die Münzen zu prägen, die es für seinen Markt brauchte und von denen es sich ein Geschäft versprach.

Zürich. Goldgulden 1526, geprägt unter Münzmeister Niklaus Sitkust. Zürcher Wappen in Dreipass. Rs. Gekrönter Wappenschild mit Reichsadler.Zürich. Goldgulden 1526, geprägt unter Münzmeister Niklaus Sitkust. Zürcher Wappen in Dreipass. Rs. Gekrönter Wappenschild mit Reichsadler.

Zürich. Goldgulden 1526, geprägt unter Münzmeister Niklaus Sitkust. Zürcher Wappen in Dreipass. Rs. Gekrönter Wappenschild mit Reichsadler.

Die Reformation
1523 beschloss der Rat der Stadt Zürich, Huldrych Zwingli die Predigt gemäß der Schrift zu erlauben. Damit schuf Zürich sich eine eigene Kirche unter Aufsicht des Rates.
Der erhob selbstverständlich auch Anspruch auf die Verwaltung der Kirchengüter, wozu natürlich die riesigen Mengen an Altargerät aus Edelmetall gehörten, welche der Rat einschmelzen und zu Münzen ausprägen ließ.

Zürich. Taler o. J., geprägt unter Münzmeister Hans Jakob I. Stampfer (Münzmeister 1558-1563). Zwei Löwen halten Wappen, Reichsapfel und Krone. Rs. Reichsadler.Zürich. Taler o. J., geprägt unter Münzmeister Hans Jakob I. Stampfer (Münzmeister 1558-1563). Zwei Löwen halten Wappen, Reichsapfel und Krone. Rs. Reichsadler.

Zürich. Taler o. J., geprägt unter Münzmeister Hans Jakob I. Stampfer (Münzmeister 1558-1563). Zwei Löwen halten Wappen, Reichsapfel und Krone. Rs. Reichsadler.

Die größte Zürcher Münzprägung
Durch die beschlagnahmten Kirchengüter hatte die Stadt Zürich ihre finanziellen Ressourcen vervielfacht. Die Überschüsse aus den säkularisierten Besitzungen erlaubten Zürich zum Beispiel, die Kosten, die durch den Zweiten Kappelerkrieg entstanden waren (als das reformierte Zürich 1531 die Schlacht bei Kappel am Albis gegen die so genannten fünf katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden sowie Zug verlor), zu tragen, ohne dafür die Bürger durch Steuern zusätzlich zur Kasse zu bitten. Seit 1553 begannen die Stadtväter aus den Überschüssen einen geheimen Staatsschatz anzulegen, der im Großmünster gelagert wurde und aus dem auch Darlehen an Nichtzürcher gewährt wurden.
Damit einher geht die wohl bedeutendste Münzemission, welche es in Zürich gegeben hat. Zwei Münzmeister prägten zwischen 1555 und 1561 im Auftrag der Stadt mehr als 9 Millionen Münzen – eine unglaubliche Zahl für die damalige Zeit.

Walzprägemaschine im Nachbau des Museums Hall.

Walzprägemaschine im Nachbau des Museums Hall.

Zum Vergleich: In sechs Jahren wurde hier mehr geprägt als in der gesamten ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um diese gewaltige Anzahl von Münzen herzustellen, verschaffte man sich die damals modernste Technologie: eine Walzprägemaschine, die sich von Zürich aus über Hall in Tirol in die ganze Welt verbreitete.

Schwieriger Alltag im Zahlungsverkehr
Nach 1563 ging der Münzausstoß wieder deutlich zurück. Eine kontinuierliche Prägung wie wir sie heute kennen, gab es im 16. Jahrhundert nicht. Um einen Markt mit ausreichend barem Geld zu versehen, brauchte es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht unbedingt eine eigene Münzprägung. Es genügte, genau zu kontrollieren, welche Münzen in einer Stadt umlaufen durften und welche nicht. Zu diesem Zweck untersuchte ein Beauftragter der Stadt die auf dem Markt umlaufenden Münzsorten. Er schlug dem Rat der Stadt vor, zu welchem Kurs diese Münzen angekauft werden sollten. Die Wechselkurse der häufigsten Münzen machte der Rat in der Stadt bekannt, so dass sich alle Bürger danach richten konnten; die selteneren Prägungen mussten dagegen in die Münzstätte gebracht werden, wo sie der Münzmeister – natürlich nur nach Zahlung einer saftigen Gebühr – gegen in der Stadt gängiges Geld eintauschte. Verschlechterte sich die Prägung einer bestimmten Stadt drastisch hinsichtlich Gewicht oder Feingehalt, so wurde sie „verrufen“, ihr Gebrauch also auf dem Markt verboten.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wie im 16. Jahrhundert Münzen geprägt wurden, empfehlen wir Ihnen diesen Artikel.

Der zweite Teil des einführenden Überblicks schlägt den Bogen vom Dreißigjährigen Krieg bis in die heutige Zeit.

Alle Teile der Serie „Die Zürcher und ihr Geld“ finden Sie hier.

Der Text entstammt einem Katalog der gleichnamigen Ausstellung im MoneyMuseum.

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