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Ein Pilgerring und eine Münze aus dem Jüdischen Krieg

von David Hendin

Zu den interessantesten Motiven auf Münzen aus der Zeit des Jüdischen Kriegs gegen Rom 66-70 n. Chr. gehören diejenigen, die an Sukkot („Laubhüttenfest“) erinnern. Diese Feier war die bedeutendste von drei Pilgerfeiern, zu denen Juden nach Jerusalem pilgerten. Die drei Feste sind Pessach, Schawuot (Pfingsten) und Sukkot, ein wichtiges Fest von Ernte und Erntedank.

Im Neuen Testament (Joh. 7,2-3) spielt Sukkot eine wichtige Rolle, da es den Hintergrund für einen von Jesu Besuchen in Jerusalem bildet:
„Das Laubhüttenfest der Juden war nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort, und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen, die du vollbringst.“
Die Münzreihe, die Sukkot feierte, wurde im vierten Kriegsjahr 69/70 n. Chr. geprägt und stellt offensichtlich die allererste Serie von „Belagerungsmünzen“ dar, die je geprägt wurde. Man benötigte gegen Kriegsende diese Bronzemünzen, weil unter anderem auch das Silber ausging. Wir finden drei verschiedene Nominale unter den Bronzemünzen; eine wird beschrieben als „Halber Schekel“, eine als „Viertel“ und einer ist ohne Bezeichnung, stellt aber deutlich die Hälfte eines Viertels dar, also einen „Achtel Schekel“.

Die größte dieser Münzen des vierten Kriegsjahres, der bronzene Halbschekel, trägt ein Bild, das schon immer eines meiner Lieblingsbilder antiker jüdischer Münzen war. Es gefällt mir sogar so gut, dass ich die Münze aus meiner privaten Sammlung als Titelbild der Umschlaggestaltung meines Buches „Guide to Biblical Coins“ in der vierten Auflage benutzte.

Bronzener Halbschekel aus dem vierten Jahr des Jüdischen Kriegs (Hendin-668) und ein etwa zeitgleicher 'Pilgerring', der das gleiche Motiv der Dattelpalme mit zwei Körben zeigt, wie sie zum Transport von Datteln oder anderen Früchten benutzt wurden, die man in einem Festzug zum Jerusalemer Tempel brachte.

Bronzener Halbschekel aus dem vierten Jahr des Jüdischen Kriegs (Hendin-668) und ein etwa zeitgleicher 'Pilgerring', der das gleiche Motiv der Dattelpalme mit zwei Körben zeigt, wie sie zum Transport von Datteln oder anderen Früchten benutzt wurden, die man in einem Festzug zum Jerusalemer Tempel brachte.

Die Münze zeigt eine Palme flankiert von Körben, in denen die Erntedankgaben getragen wurden; diese Zeremonie begann an Schawuot (Pfingsten) und dauerte bis Sukkot (Laubhüttenfest).
Die Gestaltung dieser Münze ist ganz besonders ansprechend. Zwei Körbe sind so unter der siebenarmigen Dattelpalme angeordnet, dass die Datteln geradezu direkt in die Körbe zu fallen scheinen, die bis zum Rand gefüllt sind. Die hebräischen Wörter außen herum bedeuten: „Für Zions Auslösung“.

Dieses Bild spielte für mich eine gewisse Rolle, als ich in den 1970er Jahren nach Israel reiste. Ich schlenderte durch Jerusalems Altstadt und schaute in ein paar der kleinen Läden hinein, die alte Münzen und Antiquitäten verkauften. (Fast alle von ihnen sind mittlerweile verschwunden … aber das ist eine andere Geschichte …) In einem dieser Läden trank ich den obligatorischen türkischen Kaffee und unterhielt mich mit einem alten Freund. Der Besitzer hatte an diesem Tag keine sonderlich interessanten Münzen; aber während unseres Gesprächs betrat ein Araber aus einer nahegelegenen Ortschaft den Laden und wollte drei Bronzeringe verkaufen. Ich schenkte den Stücken keine große Aufmerksamkeit; ich glaube, der Araber wollte $20 dafür, am Ende zahlte ich ihm die Hälfte. Ich hielt sie nicht für sehr interessant, aber da ich nun mal in Jerusalem war, lautete die Devise: Kaufen, kaufen , kaufen! Also kaufte ich sie und ließ sie in einer der vielen Taschen meiner echten Bananenrepublik-Photographenjacke verschwinden (die gibt es nicht mehr zu kaufen … die Bananenrepublik sollte sich schämen!).

Erst etwas später schaute ich mir die Ringe näher an. Einer davon war von größerem Interesse und befindet sich seit damals in meiner Sammlung. Ich dachte mir, es ist Zeit, dass ich ihn mit anderen teile. Ganz offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen jüdischen Ring aus der Zeit des Jüdischen Kriegs gegen Rom. Und das Bild auf dem Ring ist zwar nicht so genau gearbeitet wie auf den Münzstempeln, aber es handelt sich dabei um dasselbe Motiv, das wir oben besprochen haben … eine Palme flankiert von zwei Körben.
Dieser Ring sollte die Münze kopieren, und man kann sich leicht vorstellen, dass es sich dabei um ein Souvenir eines Pilgers handelte, erstanden auf einer Pilgerreise nach Jerusalem vor der Zerstörung des Tempels und voller Stolz getragen. Sowohl die Münze als auch der einzigartige Ring zeugen von der Bedeutung, die den ersten Früchten zukam, welche dem Jerusalemer Tempel dargebracht wurden. Sie wurden auf dem Altar abgelegt und später unter den Priestern verteilt.

Paul Romanoff spricht von solchen Pilgerreisen: „Das Darbringen von Früchten im Tempel wurde seit langem ausgeübt und dauerte an bis zu den letzten Tagen des Tempels. Eine lebendige Beschreibung der Prozession, in welcher die ersten Früchte getragen wurden, ist in der Mischna verzeichnet.“ Ich gebe die entsprechende Passage hier wider (M. Bikk. 3,2-8):
„Alle Leute aus den Städten und Dörfern kommen mit ihren Früchten zusammen in der führenden Stadt des Kreises und schlagen ihre Zelte auf dem offenen Land auf … Am Morgen ruft der Verantwortliche: ‚Erhebt euch, lasst uns ziehen nach Zion, zum Haus des Herrn.‘ … Wenn sie sich Jerusalem nähern, senden sie Boten aus, ihre Ankunft anzukündigen … Die Handwerker Jerusalems stehen entlang der Straße, um sie zu begrüßen: ‚Brüder und Schwestern, Leute von diesem und jenem Ort, wir grüßen euch.‘ Die Flötenspieler ziehen voran und spielen, bis sie den Tempelboden erreichen. Dann schultert ein jeder in der Prozession einen Korb und schreitet einher, bis er in den Inneren Hof langt … Oben auf die Körbe wurden Tauben gesetzt, die geopfert werden; die Früchte werden dem Priester überreicht. Während sie die Körbe noch auf ihren Schultern tragen, sagen die Leute zwei Verse aus dem Deuteronomium auf (26,3-4), dann nehmen sie die Körbe herab und halten sie am Rand, während die Priester ihre Hände unter die Körbe legen und sie ein wenig anheben; dabei fahren sie in der Rezitation fort ab Vers 5 bis zum Ende des Kapitels. Dann setzen die Pilger die Körbe neben dem Altar ab und ziehen unter Verbeugungen fort. … Die Körbe und die Früchte werden den Priestern gegeben.“
Romanoff bemerkt außerdem, dass das Bild der Palme auf der Münze „den wunderbarsten und nützlichsten Baum darstellt, eine der ausgesuchtesten Pflanzen Palästinas. Die Datteln stehen auch für Honig, ein biblisches Bild für Großzügigkeit. Daher … symbolisiert diese Münze Überfluss und Reichtum.“

Wir danken David Hendin für die Erlaubnis, diesen Artikel zu übersetzen und in der MünzenWoche zu publizieren.
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Wenn Sie mehr über den Spezialisten für jüdische Münzen, David Hendin, wissen wollen, dann besuchen Sie seine Website und klicken hier.

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