Archiv

Die Polen und ihr Papst

von Ursula Kampmann
mit freundlicher Genehmigung der World Money Fair

23. Dezember 2010 – Kaum ein Land hat so viele Münzen mit dem Bildnis von Johannes Paul II. geprägt wie Polen. Kaum ein Thema taucht so häufig in der Münzprägung Polens auf wie das Bildnis des polnischen Papstes. Da werden seine Besuche in Polen gefeiert, aber auch der in den USA. Zum Jubiläum „10 Jahre Pontifikat“ gibt es Münzen und selbstverständlich auch zum 25jährigen. Sogar der Papst als Pilger und der segnende Papst werden im Münzbild zelebriert. Sein Besuch bei der Gottesmutter von Tschenstochau ist festgehalten und natürlich auch sein Tod im Jahr 2005.
Die Polen haben eben ein ganz besonders enges Verhältnis zu diesem Kirchenfürsten. Wir wollen diese Verbindung ein wenig durchleuchten.

10 Zlotych 2002. Foto: Mint of Poland.10 Zlotych 2002. Foto: Mint of Poland.

10 Zlotych 2002. Foto: Mint of Poland.

Die katholische Kirche in Polen
Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche war und ist für viele Polen selbstverständlich. Sie ist Teil ihrer Identität, der Zusammenhalt des Landes definierte sich Jahrhunderte lang über den Glauben.
Ein frühes Beispiel dafür ist der erfolgreiche Widerstand der Festung Tschenstochau gegen ein schwedisches (protestantisches) Invasionsheer im Jahre 1655. Den Sieg dankte man der Schwarzen Madonna des Klosterberges, die heute noch zu den hoch verehrten Ikonen des Landes gehört.
Im Katholizismus fanden jene Polen eine Heimat, die nach der Teilung unter die Herrschaft andersgläubiger Fürsten kamen.
Im 20. Jahrhundert spielte der katholische Klerus immer wieder eine Vorreiterrolle im Kampf für die Unabhängigkeit, sei es – auch mit der Waffe in der Hand – während des Ersten Weltkriegs, sei es gegen den nationalsozialistischen Terror. Ein Viertel aller polnischen Priester starb im Widerstand gegen die deutsche Herrschaft.

20 Zlotych 2003 auf das 25jährige Priesterjubiläum. Foto: Mint of Poland.20 Zlotych 2003 auf das 25jährige Priesterjubiläum. Foto: Mint of Poland.

20 Zlotych 2003 auf das 25jährige Priesterjubiläum. Foto: Mint of Poland.

Ein polnisches Leben
Am 18. Mai 1920 wurde Karol Joszef Wojtyla in Wadowice geboren. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Der kleine Karol wird wohl ein ganz normales Kind gewesen sein, das gerne Fußball spielte, als Ministrant das Weihrauchfaß schwang und ordentlich lernte.
1938, ein Jahr vor dem Beginn der deutschen Besatzung, schrieb sich Karol Wojtyla an der Universität ein. Doch diese wurde von den Besatzern geschlossen. Studenten und mutige Professoren gingen in den Untergrund, um dort als geheime Universität zu funktionieren. Dies war gefährlich. Auch Wojtyla wurde erwischt, doch es gelang ihm, seine Deportation nach Deutschland zu verhindern.

Karol Wojtyla im Kreise von Kommilitonen in Krakau. Foto: Wikipedia.

Karol Wojtyla im Kreise von Kommilitonen in Krakau. Foto: Wikipedia.

In diesen Jahren trat er ins geheime Priesterseminar der Erzdiözese Krakau ein. Am 1. November 1946 empfing er heimlich die Priesterweihe. Als Seelsorger und – nach seiner Promotion – als Professor für Moraltheologie und Philosophie überlebte Karol Wojtyla die Schrecken der Stalinzeit. 1958 stieg er zum Weihbischof von Krakau auf. In dieser Funktion nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil teil, das die Modernisierung des katholischen Glaubens initiieren sollte.
1964 übernahm Wojtyla das Amt des Erzbischofs von Krakau. In ständigem, gewaltfreiem Widerstand forderte er Religionsfreiheit für alle Polen. Seine Gläubigen erlebten ihn als unerschrockenen Kämpfer gegen den Kommunismus. In Deutschland wurde er für seine Bemühungen, eine deutsch-polnische Aussöhnung zu initiieren, bekannt.

Der polnische Papst
Am 16. Oktober 1978 wurde der als Außenseiter geltende Karol Wojtyla von den 111 zum Konklave versammelten Kardinälen im 8. Wahlgang mit 99 Stimmen zum 264. Papst gewählt. Er verdankte seine Wahl dem Patt zwischen den beiden führenden (italienischen) Kandidaten und dem Beifall der nicht-italienischen Kardinäle, die eine Chance sahen, zum ersten Mal seit rund 500 Jahren wieder einen nicht-italienischen Papst zu wählen.
Karol Woytila war der erste slawische Papst der Kirchengeschichte und dazu mit seinen 58 Jahren außergewöhnlich jung.

Der Papst bei seiner zweiten Reise nach Polen im Jahr 1987. Foto: Wikipedia.

Der Papst bei seiner zweiten Reise nach Polen im Jahr 1987. Foto: Wikipedia.

Der Besuch in Polen
Von Anfang an manifestierte sich der neue Papst als kompromißloser Kämpfer für die Freiheit. Bereits 1979, nur wenige Monate nach seiner Amtseinführung, reiste Johannes Paul in seine Heimat. Dazu hatte ihn die polnische Regierung eingeladen. Man hoffte, so die Sympathie der Massen zu gewinnen. Die Einladung war mit Moskau abgestimmt, doch die kommunistischen Würdenträger realisierten schockiert, was für eine Lawine sie losgetreten hatten:
10 Millionen Menschen, rund ein Viertel der gesamten polnischen Bevölkerung oder – mit anderen Worten – jeder zweite erwachsene Pole, nahmen an den öffentlichen Auftritten des Papstes teil. Der wurde damit zu einem Symbol des Widerstands gegen den Kommunismus, die Teilnahme an seinem Besuch zu einem politischen Manifest. Lech Walesa, ehemaliger Anführer der Solidarnosc, sollte später darüber sagen, Johannes Paul II. habe mit seiner Aufforderung an alle Polen, die Angst zu vergessen, das Land aufgeweckt.

Solidarnosc
Am 14. August 1980 begann in der Lenin-Werft der Streik der 17.000 Angestellten, angeführt von Lech Walesa. Schnell dehnte sich der Widerstand auf das ganze Land aus. Die ganze Welt wartete auf die Reaktion der Sowjetunion. Am 7. Dezember informierte der amerikanische Präsident Jimmy Carter Johannes Paul telefonisch über die drohende Invasion Polens. Eine gute Woche später wendete sich Johannes Paul II. direkt an Breschnew. Er verglich die Sowjetunion mit den Truppen der Nationalsozialisten, die seine Heimat einst besetzt hatten. Wir werden es nie wissen, ob es diese Drohung mit der öffentlichen Meinung war, die die sowjetische Führung von einem Eingreifen abhielt. Auf jeden Fall fand die Invasion Polens nicht statt.
Bereits am 15. Januar 1981 empfing Johannes Paul II. eine von Lech Walesa angeführte Delegation der Solidarnosc im Vatikan zur Audienz. Der moralische Schulterschluß, den das Oberhaupt der katholischen Kirche mit den nach Freiheit dürstenden Polen vollzog, spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle – für die Verunsicherung der polnischen Regierung und den Durchhaltewillen der Führer der Solidarnosc.

Das Attentat
Vielleicht war dies der Grund für das am 13. Mai 1981 verübte Attentat des türkischen Rechtsextremisten Mehmed Ali Agca. Eine italienische Untersuchungskommission kam 2006 zu dem Ergebnis, daß das Attentat wohl im Auftrag Breschnews vom russischen in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst verübt worden sei. Die polnischen Kommunisten scheinen davon nichts gewußt zu haben.
Wenige Monate später, im Dezember 1981, wurde in Polen das Kriegsrecht verhängt. Die Kirche blieb der einzige Freiraum, wo Widerstand möglich blieb. Ihre entscheidende Rolle im Alltag ging auch darauf zurück, daß sie die Hilfsgüter aus dem Westen, vor allem aus Deutschland, unter den hungernden Polen verteilen durfte.

Kämpfer gegen den Kommunismus
Immer wieder besuchte der Papst auf seinen 104 Auslandsreisen Polen. 1983, während seiner zweiten Polenreise, traf sich der Papst erneut mit Lech Walesa, obwohl dieser faktisch unter Hausarrest stand und die Solidarnosc inzwischen verboten war.
Bei einem anderen Besuch 1987 forderte er von der Regierung die Einhaltung der Menschenrechte und die Aufhebung des Verbots der Solidarnosc. So konkret hatte sich noch kein Papst der Moderne in politische Abläufe eingemischt. Tatsächlich scheint der Vatikan auch an der Finanzierung der polnischen Widerstandsbewegung beteiligt gewesen zu sein. Man nimmt heute an, daß auf Vermittlung Johannes Pauls II. amerikanische Unterstützungsgelder geflossen sein sollen.
1989 kam die große Wende. Weithin wurde der große Anteil, den Johannes Paul II. an dem Fall des Kommunismus hatte, anerkannt. So schenkte ihm zum Beispiel die Stadt Berlin zum Dank ein Stück der Berliner Mauer, das heute in den Vatikanischen Gärten ausgestellt ist.
Doch auch dem freien Polen blieb der Papst verbunden. Nicht weniger als weitere fünf Male – 1991, 1995, 1997, 1999 und 2002 – reiste der Papst in seine alte Heimat. Es war programmatisch, daß Johannes Paul II. die polnische Nonne Maria Faustyna Kowalska zur ersten Heiligen des neuen Jahrtausends machte.

10 Zlotych 2005 auf den Tod des Papstes. Foto: Mint of Poland.10 Zlotych 2005 auf den Tod des Papstes. Foto: Mint of Poland.

10 Zlotych 2005 auf den Tod des Papstes. Foto: Mint of Poland.

Ein polnischer Heiliger?
Als Johannes Paul am 2. April 2005 starb, trauerte ganz Polen um ihn. Gerüchte machten die Runde, der Papst habe gewünscht, in seiner polnischen Heimat beigesetzt zu werden. Bis zum heutigen Tage hofft der polnische Klerus, das päpstliche Herz für Warschau zu sichern. Tatsächlich überließ der Papst die Bestattung testamentarisch der Entscheidung des Kardinalskollegiums, das sich – bis jetzt – gegen diese Option entschloß.
3,5 Millionen Pilger kamen zur Totenmesse von Johannes Paul nach Rom, darunter eine unüberschaubare Menge von Polen. Nicht einmal ein halbes Jahr später begann der Prozeß seiner Seligsprechung. Sie wird mit einer solchen Hast betrieben wie noch nie ein Seligsprechungsprozeß zuvor. Seit dem 19. Dezember 2009 wird Johannes Paul II. als „Ehrwürdiger Diener Gottes“ bezeichnet, was als Vorstufe der Seligsprechung gilt.

Nachtrag: Der katholische Glauben und die Glaubensfreiheit
Eine interne Studie des polnischen Episkopats hat gezeigt, daß die Glaubenstreue der Polen seit der Befreiung vom kommunistischen Regime radikal zurückgegangen ist. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist – vor allem in den Großstädten – um bis zu einem Drittel gefallen. Nichtsdestotrotz ist der Anteil der bekennenden Katholiken in Polen immer noch größer als in allen anderen europäischen Ländern.

Wenn Sie einen Film über die Polenbesuche des Papstes Johannes Paul II. sehen wollen, klicken Sie hier.

← zurück

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Einmal die Woche pünktlich frei Haus. Mit unserem Email-Newsletter bleiben sie immer auf dem neuesten Stand der numismatischen Welt.