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Die Frauen der Severer auf Münzen

von Björn Schöpe

12. Mai 2016 – Für Sammler römischer Münzen beginnt das 3. Jahrhundert nach Christus mit einem Höhepunkt der Münzprägung. Kaum eine andere Dynastie römischer Kaiser prägte so viele Münzen wie die Severer, entsprechend viel interessantes (und günstiges) Material bietet der Markt. Doch nicht nur die Herrscher sind präsent auf ihren Prägungen, auch die Severerinnen trugen im wortwörtlichen Sinn ihr Bild der „Familienherrschaft“ in die Welt hinaus wie nie zuvor. Aus diesem Grund hat Sonja Nadolny in ihrer 2015 angenommenen Berliner Dissertation zu den Severerinnen die Münzen stärker eingebunden als bislang üblich.

Sonja Nadolny, Die severischen Kaiserfrauen. Palingenesia 104. Stuttgart, Steiner, 2016. 257 S., mit Abbildungen und Grafiken in Schwarz-Weiß. Hardcover. 17,8 x 24,5 cm. ISBN: 978-3-515-11311-3. 52 Euro.

Sonja Nadolny, Die severischen Kaiserfrauen. Palingenesia 104. Stuttgart, Steiner, 2016. 257 S., mit Abbildungen und Grafiken in Schwarz-Weiß. Hardcover. 17,8 x 24,5 cm. ISBN: 978-3-515-11311-3. 52 Euro.

Die ältere Forschung übernahm ein negatives Zerrbild von den Frauen der Severer, das bereits deren Zeitgenossen vorgegeben hatten: Herrschsüchtige, machtgierige, skrupellose Orientalinnen hätten den römischen Thron an sich gerissen und mit ihren Intrigen und Ränkespielen das ganze Reich mehr oder weniger offiziell regiert.
In den 1970er Jahren hat eine Arbeit von Erich Kettenhofen dieses Bild gründlich revidiert, doch seither wurde wenig weiter zu den Severerinnen geforscht. Inwieweit die Frauen am Hof tatsächlich das politische Geschehen ihrer Zeit beeinflussten, lässt sich anhand der Schriftquellen kaum belegen. Schließlich waren sie ja keine offiziellen Herrscherinnen, sondern agierten nur hinter den Kulissen. Die Historiographen hatten meist persönliche (oder literarische) Motive, weswegen sie die Rolle der Frauen entweder übertrieben oder herunterspielten. Herrscherlob und Gesellschaftskritik waren da nur zwei Gründe.

Nadolny möchte durch eine genaue Analyse der Münzen und Inschriften dieses Zerrbild zurechtrücken und eine neue zusammenhängende und quellenkritische Darstellung der Severerinnen geben. Dafür analysiert sie zunächst die Präsenz der Severerinnen in der Reichsprägung. Die vom Kaiser abgesegneten reichsweit kursierenden Münzen zeigen das Kaiserhaus, wie es dem Augustus gefiel. Interessanterweise wird den Frauen keineswegs nur ein „weibliches“ Bild mit typischen Frauengottheiten und Tugenden zugewiesen. Vielmehr ergänzen die Severerinnen das Münzprogramm ihrer Männer und Söhne: Wenn die Kaisermünzen Krieg und Soldaten thematisieren, passen sich die Münzbilder der Frauen an.

Das Gegenstück sieht Nadolny in den Provinzialmünzen und Inschriften. Dort erkennen wir noch heute, wie die Severerinnen „von unten“ gesehen wurden. Ehrentitel und die Bedeutung der Frauen in der Darstellung der Kaiserfamilie wurden hier aufgegriffen und sogar vorangetrieben. Der bekannte Ehrentitel „Mater castrorum“, Mutter der Feldlager, für Julia Domna findet sich zunächst in Inschriften in den Provinzen und wird erst später zu einem auch in Rom offiziell verwendeten Titel. Die Leitideen, die von den Severern ausgegeben wurden, fielen auf fruchtbaren Boden.

In einem weiteren Kapitel zieht Nadolny die literarischen Quellen hinzu und gleicht die Wertungen von Cassius Dio, Herodian und der deutlich späteren Schrift Historia Augusta mit ihren bisherigen Ergebnissen ab. Wir sehen, dass die Severerinnen nicht mehr dem traditionellen Bild der römischen Frau (und Kaiserin) entsprachen und deswegen auf Ablehnung in der Geschichtsschreibung stießen – wie andere unangepasste Kaiserinnen vor ihnen, denken wir nur an Agrippina oder Messalina.
Nadolny unterstreicht, dass die Frauen der Severer eine deutlich stärkere Rolle in der Politik spielten als zu früheren Zeiten oder im späteren 3. Jahrhundert. Bei manchen der Frauen, vor allem bei Julia Mamaea, der Mutter des Severus Alexander, ist ihr zuzustimmen, allerdings ist das Ergebnis keineswegs neu. Nadolny möchte hier stärker strukturelle und systemische Gründe in der Entwicklung des Kaisertums sehen als persönliche Konstellationen bei Hof oder die Herrscherpersönlichkeiten. Doch handelt es sich um zwei Seiten einer Medaille; die individuellen Eigenschaften von Kaisern und ihrem Hof konnten zu langfristigen Veränderungen führen. Die Rolle, welche den Severerinnen zukam, konnten sie offenbar nur in genau dieser Zeit spielen.
Während Nadolny einerseits untersuchen möchte, wie die Frauen in der Repräsentation der Familie dargestellt werden, nimmt sie sich in der Einleitung auch zum Ziel, den tatsächlichen Einfluss der Frauen über die Münzen zu rekonstruieren. Grundsätzlichen Bedenken, die Bedeutung der Frauen im Münzbild müsste nicht gleichzeitig ihre tatsächliche Macht widerspiegeln, entgegnet sie, es handele sich aber immerhin um einen „Indikator für ihre Bedeutung innerhalb der kaiserlichen Selbstdarstellung“ (S. 25). Das stimmt, ist aber etwas anderes.

Nadolnys Arbeit stellt sehr fundiert und gründlich die literarischen, numismatischen und epigraphischen Zeugnisse zu den Frauen der Severer zusammen und gleicht die oftmals widersprüchlichen Quellen miteinander ab. Wir erfahren viel über das beginnende 3. Jahrhundert, und wer severische Münzen sammelt, kann sich in dieser Dissertation viel Hintergrundwissen anlesen. Doch auch Nadolny kann anhand der Münzen nicht hinter die Kulissen des Hofs blicken. Wie mächtig die einzelnen Frauen wirklich waren, kann auch sie nicht mehr rekonstruieren.

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