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Dichter und ihr Einkommen: William Shakespeare

von Ursula Kampmann

Wenige Dichter haben uns so viele Sprichwörter geliefert wie William Shakespeare. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Shakespeare der erste Schriftsteller war, dessen Werk nicht mehr allein auf den spendierfreudigen Adel zielte. Shakespeare und seine Generation erfanden das kommerzielle Theater, in dem jeder sich für ein bisschen Geld Unterhaltung kaufen konnte. Kein Wunder, dass es im London des beginnenden 17. Jahrhunderts „cool“ war, mit dem einen oder anderen Zitat zu zeigen, dass man auch über die Themse gefahren war, um im Globe das aktuelle Stück mitzuerleben. Und manche Zitate waren eben so gut, dass sie sich bis heute im Sprachbrauch gehalten haben.

Rekonstruktion des Globe Theatre. Foto: Tohma / GFDL.

Rekonstruktion des Globe Theatre. Foto: Tohma / GFDL.

Theater wie das Globe waren kommerzielle Großunternehmen und gehörten einer Kommunität von Schauspielern, die wie in einer Aktiengesellschaft mit der Höhe ihrer Einlage an Gewinn und Verlust beteiligt waren. Shakespeare war einer von acht (später zwölf) Mitgliedern der Lord Chamberlain’s Men, was bedeutete, dass nicht nur Einkünfte aus dem Theater kamen, sondern auch aus der Börse des Förderers. Dazu bot so ein Mäzen Schutz vor den Unwägbarkeiten des englischen Rechtssystems und Protektion bei Hof, so dass die Lord Chamberlain’s Men nach dem Tod Elizabeths I. die Unterstützung des neuen Königs Jakob I. gewannen, und sich in King’s Men umbenannten.
Die Auftritte bei Hof waren lukrativ. Königin Elizabeth pflegte 10 Pfund für eine Vorstellung auszuwerfen. Besonders in der Weihnachtszeit waren die King’s Men aktiv. 1603 zahlte ihnen Jakob I. 80 Pfund für die sechs Aufführungen, die sie vor dem Hof gegeben hatten. Dies war ein fürstliches Honorar und als eine Art Ausfallsentschädigung gedacht. Das vorangegangene Pestjahr, während dem Aufführungen weitgehend unmöglich gewesen waren, hatte die Truppe an den Rand der finanziellen Katastrophe gebracht.

William Shakespeare. Porträt auf der legendären

William Shakespeare. Porträt auf der legendären "First Folio-Ausgabe" seiner Werke.

Allein, der Adel und seine Mittel war Glückssache. Man konnte sich auf diese Form der finanziellen Beihilfe nicht verlassen. Es war also wichtig, das Unternehmen „Theater“ auf eine solide finanzielle Basis zu stellen. Und dabei bestand das Einkommen der Truppe mit Sicherheit nicht nur aus Eintrittsgeldern.
Wer ins Theater ging, war in Spendierlaune. Und das musste er auch, denn fast jeder Schritt kostete Geld. Zunächst waren Fourpence oder Sixpence als Fährlohn zu entrichten. Dagegen war der Eintritt in den Hof des Globe direkt billig. Er kostete einen Penny. Tickets gab es noch keine. Das Geld wurde in kleine Sammelkassen am Eingang geworfen, die einige Ordner streng überwachten. Um auf den ersten Rang, wo man sitzen konnte, zu kommen, musste man einen zweiten Penny in eine der Sammelkassen werfen. Dieser Penny gab der Galerie ihren Namen. Sie hieß im Volksmund die „twopenny gallery“. Dann gab es noch eine dritte Galerie mit Kissen und gutem Blick auf die Bühne. Hier wanderte der dritte Penny in die Kasse.

Elisabeth II., 1558-1603. 6 Pence 1562, London. Aus Auktion Künker 241 (2013), 2245.

Elisabeth II., 1558-1603. 6 Pence 1562, London. Aus Auktion Künker 241 (2013), 2245.

Selbstverständlich war es der besseren Gesellschaft Londons nicht zuzumuten, sich mit den anderen Theaterbesuchern durch die verschiedenen Galerien zu drängen. Deshalb gab es für die, die sich für etwas besseres hielten, Balkone. Sie kosteten einen Shilling, also 12 Pence, und hatten einen getrennten Zugang von außen.
Für Premieren konnte man übrigens den doppelten Eintritt verlangen. Und auch die kleineren, überdeckten Theater – immerhin wurde bei Wind und Wetter gespielt, und das während der sogenannten „kleinen Zwischeneiszeit“ – waren eine ganz andere Größenordnung. Hier kostete der Eintritt schon Sixpence und das, was wir heute als eine Loge bezeichnen würden, 2 Shillinge und 6 pence, insgesamt 30 pence, ein Vergnügen, das sich nur wenige leisten konnten.

Zum Eintritt kamen die anderen Kleinigkeiten, die im Globe verkauft wurden. So konnte man durchgehend Nahrung und Getränke zu sich nehmen, wie ein schweizerischer Besucher berichtet: „Während der Aufführung werden Essen und Trinken unter den Besuchern herumgetragen, so dass man Erfrischungen haben kann, wenn man bereit ist, dafür zu zahlen.“
Zu diesen Erfrischungen gehörten sicher Flaschen von Ale. Dies wissen wir, weil während des Brandes des Globes im Jahre 1613 die brennende Hose eines Mannes mit Ale gelöscht wurde. Äpfel und Nüsse, Austern, Lebkuchen und Zuckerwerk wurde angeboten, konsumiert und brachten so den Besitzern des Globe ein ordentliches Zusatzeinkommen.

Jakob I., 1603-1625. Shilling o. J. (1619-1625). Aus e-Auction Rauch 18 (2015), 1366.

Jakob I., 1603-1625. Shilling o. J. (1619-1625). Aus e-Auction Rauch 18 (2015), 1366.

Moderne Schätzungen gehen davon aus, dass das Globe Theater im Jahr Einnahmen in Höhe von rund 1.200 Pfund brachte. Das bedeutete für Shakespeare – ebenfalls von heutigen Wissenschaftlern geschätzt – einen Gewinnanteil von 40 Pfund, was nicht wenig war. Ein Gentleman konnte von einem Einkommen in dieser Höhe durchaus leben.
Den 1.200 Pfund Einkommen standen Ausgaben in Höhe 420 Pfund gegenüber. Sie setzten sich aus Kosten für die Textbücher, für Schauspieler und Mitarbeiter, Kostüme und Gebühren zusammen.

Jakob I., 1603-1625. 1/2 Laurel (= 10 Shillings) o. J. (1619-1620). Aus Auktion Künker 230 (2013), 6650.

Jakob I., 1603-1625. 1/2 Laurel (= 10 Shillings) o. J. (1619-1620). Aus Auktion Künker 230 (2013), 6650.

Shakespeare verdiente nämlich nicht nur an seinem Theateranteil, sondern auch als Autor. Wir wissen wenig über das Globe, aber die Konkurrenz zahlte zu Beginn zwischen 5 und 8 Pfund, bald zwischen 10 und 12 Pfund für ein Manuskript. 36 Dramen veröffentlichten die Kollegen Shakespeares im Jahre 1623 in einer Art Sammelband, der einen hübschen Profit abgeworfen haben dürfte. Für das Buch wurde 1 Pfund gefordert!
Zwei weitere Werke werden Shakespeare heute zugeschrieben. Von zwei verlorenen Werken wissen wir aus der Literatur. Wie viele andere Werke verloren sind? Immerhin, bereits die 38 Werke brachten dem Autor, wenn wir von einem durchschnittlichen Einkommen von 7 Pfund ausgehen, 266 Pfund, also eine Summe von der ein Gentlemen 7 1/2 Jahre auskömmlich leben konnte. Und dabei ist noch nicht mit einbezogen, dass Shakespeare auch für Bearbeitungen fremder Stücke Lohn bezog.
Zum Honorar kam das Recht der zweiten Nacht. Alle Einkommen, die bei der zweiten Vorstellung eines neuen oder eines umgearbeiteten Stücks erzielt wurden, erhielt der Autor. Das konnte beträchtlich sein. Der Othello brachte dem Theater in der zweiten Aufführung 9 Pfund 16 Schilling. Dieses Privileg dürfte das Einkommen Shakespeares aus seinen Stücken rundweg verdoppelt haben.

Dazu trat Shakespeare auch als Schauspieler auf und wird hier ebenfalls seine Gage bekommen haben. Wobei Schauspieler nicht allzu gut gezahlt waren. Sie erhielten durchschnittlich 10 Shilling pro Woche, übers Jahr gesehen 10-15 Pfund. Das war etwa genauso viel wie ein normaler Arbeiter übers Jahr erwirtschaften konnte.

Historische Kostüme im Museum des Globe Theatre / London. Foto: Reni002 / CC3.0.

Historische Kostüme im Museum des Globe Theatre / London. Foto: Reni002 / CC3.0.

Die Schauspieler fielen bei den Vorstellungen also nicht ins Gewicht. Was dagegen enorm teuer war, das waren die Kostüme, vor allem wenn die Stücke in den höchsten Kreisen spielten. Wir wissen, was die Kostüme von „Cardinal Wolsey“, einem im Fortune Theatre 1601 aufgeführten Werks, kosteten: 37 Pfund. Diese Kostüme waren übrigens meist nicht eigens für die Vorstellung angefertigt worden, sondern stammten aus den Nachlässen verstorbener Adliger, die ihren Dienern solche Kleidungsstücke als reiches Erbe hinterlassen hatten.

Alles in allem, so schätzt man heute, dürfte Shakespeare pro Jahr 100 Pfund Einkommen gehabt haben, eine erhebliche Summe, die dem Verdienst eines Starautoren von heute durchaus verglichen werden kann. Und das, obwohl ein Shakespeare auf die größte Einkommensquelle, die für einen Autoren heute sprudelt, verzichten musste, das Urheberrecht. Den Gewinn an der ersten Publikation seiner Werke strichen nicht seine Nachfahren ein, sondern ein Konsortium, das für den Druck verantwortlich zeichnete.

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