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Der glücklose Kaiser Clodius Albinus – eine Porträtstudie

Thomas Ganschow

Die Überraschung war perfekt, als bei Auktion 184 der Firma Gorny & Mosch – Giessener Münzhandlung am 18. Dezember 2009 ein römischer Porträtkopf aus dem späten 2. Jahrhundert n. Chr. versteigert wurde. Es handelte sich um ein qualitätvolles Marmorbildnis bester Erhaltung, die von einigen Bestoßungen im Gesicht kaum beeinträchtigt wurde. Wer war der Dargestellte? Manches spricht dafür, daß es sich um Clodius Albinus handelt, der sich im Kampf um den römischen Kaiserthron schließlich Septimius Severus geschlagen geben mußte, auch wenn einige Abweichungen vom üblichen Bildnistyp irritieren mögen. Vielleicht war es gerade die etwas geheimnisvolle Aura, die den Kopf umgibt, die zu einem hitzigen Bietergefecht führte, das sich von geschätzten 45.000 Euro immer weiter emporschwang, um erst bei ungeahnten 149.500 Euro zum Abschluß zu kommen.

Porträtkopf des Clodius Albinus(?), Marmor. Römisch, ca. 193-197 n. Chr. 
Aus Auktion Gorny & Mosch, Giessener Münzhandlung 184 (2009), Nr. 8; Schätzpreis: 45.000 Euro - erzielter Preis: 130.000 Euro.

Porträtkopf des Clodius Albinus(?), Marmor. Römisch, ca. 193-197 n. Chr. Aus Auktion Gorny & Mosch, Giessener Münzhandlung 184 (2009), Nr. 8; Schätzpreis: 45.000 Euro - erzielter Preis: 130.000 Euro.

Das „Fünfkaiserjahr“ 193
Das Jahr 193 gehört zu den ereignisreichsten der römischen Geschichte, sah es doch nicht weniger als fünf Kaiser, die nacheinander bzw. gleichzeitig nebeneinander agierten: Nachdem Commodus am 31. Dezember 192 ermordet worden war, übernahm zunächst Pertinax die Regierung, ein altgedienter Offizier, bereits 66jährig, der sich schon bald durch seinen strikten Sparkurs vor allem beim Militär unbeliebt machte, das an die Freigiebigkeit seines Vorgängers gewöhnt war. Und so vergingen kaum drei Monate, bis Pertinax ebenfalls einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Was nun folgte, blieb in der Geschichte Rom einzigartig: Die Kaiserwürde wurde geradezu versteigert, und zwar an denjenigen, der den Prätorianern, der kaiserlichen Leibgarde, das höchste Geldgeschenk bot. Didius Iulianus hieß der neue Mann, der ebenfalls auf eine beachtliche militärische Laufbahn zurückblicken konnte und mit seinen 60 Jahren nur wenig jünger war als sein Vorgänger. Eigentlich hätte er voraussehen müssen, was nun geschah: Die Soldaten in den Provinzen, die leer ausgegangen waren, verweigerten dem neuen Kaiser ihre Loyalität und riefen stattdessen ihre Kommandeure zum Kaiser aus – natürlich in der Hoffnung, von ihnen reich beschenkt zu werden: Septimius Severus in Pannonien (Ungarn), Pescennius Niger in Syrien und Clodius Albinus in Britannien.

Der Kampf um den Kaiserthron
Nun begann der Wettlauf nach Rom, denn derjenige, der zuerst in der Hauptstadt eintraf, hatte die besten Chancen, den Kaiserthron für sich beanspruchen zu können. Pescennius Niger war von vornherein im Nachteil, er war einfach zu weit von Rom entfernt. Nun griff Septimius Severus zu einem Trick: Damit ihm Clodius Albinus nicht zuvorkommen konnte, ernannte er ihn zu seinem Caesar, seinem designierten Nachfolger, der weiterhin bei seinen Truppen in Britannien bleiben sollte. Man fragt sich, wieso Albinus überhaupt auf dieses Angebot eingegangen ist, war er doch mit seinen 46 Jahren nur ein Jahr jünger als Severus. Damit hatte er wenig Chancen, diesen eines Tages zu beerben; ganz abgesehen davon, daß Septimius Severus selbst über zwei vielversprechende Söhne verfügte. Vielleicht plante Clodius Albinus ja auch, seinem Rivalen die Arbeit zu überlassen, um ihn anschließend selbst ermorden zu lassen. Sobald er als Caesar in Rom residieren würde, fände sich bestimmt eine Gelegenheit dazu.
Falls Clodius Albinus so dachte, mußte er jedoch bald feststellen, daß er selbst hintergangen worden war, denn Septimius Severus hatte nie vorgehabt, ihn wirklich zu seinem Nachfolger zu machen. Vielmehr wollte er sich den Rücken freihalten, um in Ruhe Pescennius Niger zu besiegen, den er Ende 194 hinrichten ließ. Bis zum Fall von Byzanz, wohin sich die Anhänger des Pescennius Niger zurückgezogen hatten, verging ein weiteres Jahr. Dann allerdings zeigte Septimius Severus seine wahren Absichten: Er ließ Clodius Albinus vom Senat zum Staatsfeind erklären, so daß diesem nur die Flucht nach vorn übrig blieb. Nachdem er von seinen Soldaten zum Gegenkaiser ausgerufen worden war, zog er gegen Severus zu Felde, der ihn Anfang 197 in der Nähe von Lyon besiegte. Clodius Albinus wurde auf der Flucht getötet.

Porträtkopf des Clodius Albinus(?), Marmor. Römisch, ca. 193-197 n. Chr. 
Aus Auktion Gorny & Mosch, Giessener Münzhandlung 184 (2009), Nr. 8; Schätzpreis: 45.000 Euro - erzielter Preis: 130.000 Euro.

Porträtkopf des Clodius Albinus(?), Marmor. Römisch, ca. 193-197 n. Chr. Aus Auktion Gorny & Mosch, Giessener Münzhandlung 184 (2009), Nr. 8; Schätzpreis: 45.000 Euro - erzielter Preis: 130.000 Euro.

Die Marmorbildnisse
Solange Clodius Albinus offiziell als Caesar des Septimius Severus galt, wurden Bildnisse von ihm angefertigt. Um nach außen hin die enge Verbundenheit der beiden zu demonstrieren, besaßen ihre Porträts eine gewisse Ähnlichkeit; man spricht von einer Bildnisangleichung, die so weit gehen kann, daß es zumindest für den modernen Betrachter schwierig ist, beide zu unterscheiden. Erst Klaus Fittschen hat in seinem Katalog der römischen Porträts in den Capitolinischen Museen die Unterschiede in der Physiognomie erkannt und die erhaltenen Porträts des Clodius Albinus zusammengestellt. Alle gehören einem Bildnistyp an, der acht Repliken umfaßt. Schon allein die Anzahl legt nahe, daß es sich bei dem Dargestellten um eine bedeutende Persönlichkeit handelt. Ihr hervorstechendstes Merkmal sind die tiefen Geheimratsecken, die ein weit in die Stirn ragendes Haarbüschel rahmen. Bei Severus fehlen die ausgeprägten Geheimratsecken, seine Stirn wird auf den frühen Porträts fast rechteckig gerahmt. Der Bart ist länger und scheint am Kinn geradezu in zwei Hälften geteilt zu sein. Auch wenn unser Kopf nicht in allen Details mit den Porträts des Albinus übereinstimmt, legt der erste Eindruck nahe, daß es sich hier tatsächlich um eines der seltenen Bildnisse des Mannes handelt, der von Septimius Severus überlistet worden war.

Denar des Clodius Albinus als Caesar. Rom, 194-195. Rs. Minerva pacifera. RIC 7. Aus Auktion Gorny & Mosch 181 (2009), Nr. 2261.
 Denar des Clodius Albinus als Caesar. Rom, 194-195. Rs. Minerva pacifera. RIC 7. Aus Auktion Gorny & Mosch 181 (2009), Nr. 2261.

Denar des Clodius Albinus als Caesar. Rom, 194-195. Rs. Minerva pacifera. RIC 7. Aus Auktion Gorny & Mosch 181 (2009), Nr. 2261.

Denar des Clodius Albinus als Augustus. Lyon, 195-197. Rs. Aequitas Augusti. RIC 13(a). Aus Auktion Gorny & Mosch 176 (2009), Nr. 2373.
 Denar des Clodius Albinus als Augustus. Lyon, 195-197. Rs. Aequitas Augusti. RIC 13(a). Aus Auktion Gorny & Mosch 176 (2009), Nr. 2373.

Denar des Clodius Albinus als Augustus. Lyon, 195-197. Rs. Aequitas Augusti. RIC 13(a). Aus Auktion Gorny & Mosch 176 (2009), Nr. 2373.

Die Münzbildnisse
Auf den Münzen des Clodius Albinus ist das in die Stirn ragende Haarbüschel weniger ausgeprägt. Auch die Geheimratsecken treten zurück, wodurch die Stirn wie auf den Marmorbildnissen des Severus beinahe rechteckig umrahmt erscheint. Severus besitzt hingegen sehr viel lockigeres Haar, auch ist sein Bart deutlich länger als bei Albinus und steht dem Kopfhaar in seiner Fülle nicht nach. Damit wurde sinnfällig die unterschiedliche Stellung der beiden zum Ausdruck gebracht: Während der regierende Kaiser mit seinem fülligeren Haar ikonographisch bereits in die Nähe der Götter gerückt wurde, ist Albinus durch sein soldatisch kurz geschnittenes Haar als Caesar gekennzeichnet, der sich nach gängiger Vorstellung seine Lorbeeren erst noch verdienen muß – auch wenn dies auf ihn eigentlich gar nicht zutraf. Bezeichnenderweise erhält auch Albinus eine voluminösere Haartracht, nachdem er sich selbst zum Kaiser gegen Severus ausrufen ließ.

Gerade das verhältnismäßig kurze Haar deutet daher bei unserem Porträt auf Clodius Albinus in seiner Stellung als Caesar, kaum auf Septimius Severus. Trotzdem bleibt eine gewisse Unsicherheit, die dem Bildnis etwas Geheimnisvolles verleiht und es gerade dadurch zu einem begehrenswerten Objekt werden läßt.

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