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Das heilige Jahr der Heiden – Die Saecularspiele

Ursula Kampmann

Ein Saeculum mußte in antiken Rom nicht unbedingt 100 Jahre dauern. Man unterschied das zivile Jahrhundert mit 100 Jahren und das natürliche Saeculum: Das natürliche Saeculum wechselte dann, wenn die Götter den unwissenden Menschen ein Zeichen gaben, das von dem Priesterkollegium der quindecimviri sacris faciundis mit Hilfe der Sibyllinischen Bücher als solches interpretiert wurde.
Nun konnte man über die Interpretation eines Zeichens natürlich diskutieren. Wies das Kalb mit den zwei Köpfen tatsächlich darauf hin, daß das Saeculum zu Ende ging? War das ungewöhnlich starke Gewitter mit den Blitzen, die einen Tempel in Brand gesetzt hatten, das Zeichen? Nicht immer war die Sachlage so eindeutig, wie am Ende des 8. Saeculums, als ein Trompetenstoß aus heitrem Himmel das Ende dieses Menschenalters verkündet haben soll.

Augustus hielt einen Kometen im Jahre 17 v. Chr. für Grund genug, seine Saecularspiele in diesem Jahr vom 30. Mai bis zum 3. Juni abzuhalten. Claudius, der Quellen forschende Etruskologe und Historiker auf dem Kaiserthron, beschwerte sich über dieses Datum und feierte selbst noch einmal Saecularspiele im Jahre 47 n. Chr. Von nun an hatten die römischen Kaiser zwei Daten zur Verfügung nach denen sie sich richten konnten. Domitianus berief sich natürlich auf den augustäischen Zyklus, um im Jahre 88 unter seiner Regierung die eindrucksvolle und publikumswirksame dreitägige Zeremonie abhalten zu können. Die einzelnen Riten, die Teil dieser Zeremonie waren, sind auf seiner Münzprägung mit vielen Details kommentiert.

Domitianus, 81-96. Denar, 88. COS XIIII LVD SAEC FEC Herold mit Rundschild und Stab n. l. gehend. RIC 117. Aus Auktion Gorny & Mosch 134 (2004), 2710.

Domitianus, 81-96. Denar, 88. COS XIIII LVD SAEC FEC Herold mit Rundschild und Stab n. l. gehend. RIC 117. Aus Auktion Gorny & Mosch 134 (2004), 2710.

Schon Monate vor dem eigentlichen Fest verkündeten Herolde in einer altertümlichen Tracht "ein Fest, wie es bislang niemand gesehen hat und niemand je wieder sehen wird." (Suet. Claud. 21). Hinter diesen Worten stand die Überzeugung, daß dann ein Menschenalter, ein Saeculum vergangen war, wenn der letzte, der das vorige Saecularfest noch miterlebt hatte, gestorben war, und die Erde sich in einem völlig neuen Menschengeschlecht verjüngt hatte. Dann, wenn die Menschheit sich komplett erneuert hatte, war es Zeit, dieses Saecularfest zu begehen.

Domitianus, 81-96. Sesterz, 88. Rv. COS XIIII LVD SAEC Domitian auf einem Podium n. l. sitzend, die Sühnemittel an einen Hausvater übergebend, der mit seinem Sohn gekommen ist; auf dem Podium SVF PD. RIC 376. Aus Auktion Gorny & Mosch 108 (2001), 1762.

Domitianus, 81-96. Sesterz, 88. Rv. COS XIIII LVD SAEC Domitian auf einem Podium n. l. sitzend, die Sühnemittel an einen Hausvater übergebend, der mit seinem Sohn gekommen ist; auf dem Podium SVF PD. RIC 376. Aus Auktion Gorny & Mosch 108 (2001), 1762.

Kurz vor der eigentlichen Feier wurden an alle Hausväter in Rom Schwefel, Erdpech und Fackeln verteilt, mit denen jedes einzelne Haus rituell gereinigt werden sollte. Am Tag vor dem Fest nahmen die Priester, darunter natürlich auch der Kaiser in höchsteigener Person, die Erstlingsfrüchte, Korn, Bohnen und andere Erzeugnisse aus Feld und Garten vom Volk entgegen. Die Gemüsehändler müssen an diesem Tag ein gutes Geschäft gemacht haben, hatte doch fast keiner der Römer mehr ein kleines Gütchen vor der Stadt, von dem er sich seine Erstlingsfrüchte holen konnte.

Das eigentliche Fest bestand aus einer Reihe von bildhaften Inszenierungen. In der ersten Nacht wurden auf dem Marsfeld drei schwarze Ziegen den Moiren dargebracht. Am Tag schlachtete man zu Ehren des Iuppiter Optimus Maximus einen weißen Stier vor dem Kapitol. In der zweiten Nacht bekamen die Ilithyen, die Göttinnen der Geburt, ihren Teil: Drei verschiedene Kuchen. Am zweiten Tag versammelten sich die Matronen vor dem Tempel der Ops, der Göttin der Fruchtbarkeit und des Erntesegens, und zogen zusammen zum Tempel des Iupiter Optimus Maximus, vor dem der Iuno eine weiße Kuh geopfert wurde.

Domitianus, 81-96. As, 88. Rv. COS XIIII LVD SAEC FEC / SC Domitian opfert vor einem Tempel aus Patera über brennendem Altar, daneben Kithara und Flötenspieler. RIC 385(a). Aus Auktion Gorny & Mosch 181 (2009), 2118.

Domitianus, 81-96. As, 88. Rv. COS XIIII LVD SAEC FEC / SC Domitian opfert vor einem Tempel aus Patera über brennendem Altar, daneben Kithara und Flötenspieler. RIC 385(a). Aus Auktion Gorny & Mosch 181 (2009), 2118.

Dieses Opfer zeigt unsere Rückseitendarstellung. Wir sehen als Hintergrund den Tempel des Iupiter auf dem Kapitol, der durch den Kranz im Architrav als solcher gekennzeichnet ist. Wir dürfen uns dabei nicht wundern, daß ein Opfer an Iuno vor dem Tempel des Iupiter vollzogen wurde. Denn die Cella, also der innerste Teil des Tempels, der das Kultbild enthielt, war in drei Teile geteilt, die Iupiter, Iuno und Minerva, also der kapitolinischen Trias, geweiht waren. Vor dem Tempel steht der Kaiser in der feierlichen Toga. In der rechten Hand hält er eine Patera und gießt ein Trankopfer über dem Altar aus. Vor ihm stehen ein Flötenspieler und einer, der auf der Kithara das Geschehen begleitet. Diese beiden Assistenten waren genauso wichtig wie derjenige, der eigentlich die Kuh tötete. Sie sollten unliebsame Geräusche übertönen, die eventuell das Opfer stören konnten. Die Römer waren nämlich der festen Überzeugung, daß alle religiösen Zeremonien nur dann Erfolg hatten, also nur dann das Ohr der Götter erreichten, wenn sie genauso abliefen, wie sie schon seit Jahrhunderten abgelaufen waren und immer wieder ablaufen würden. Kein Gebet durfte auch nur um eine Silbe von der überlieferten Formel abweichen, keine Maus zu laut quieken, kein Priester stolpern, kein Opfertier davonlaufen. Schon die geringste Abweichung machte das Opfer null und nichtig. Livius (XLI, 16, 1) berichtet uns, daß bei der Opferhandlung am Latinerfest im Jahre 176 v. Chr. ein Magistrat aus Lanuvium zufällig die Worte "dem römischen Volk, den Quiriten" ausgelassen hatte. Deshalb mußte das ganze Fest auf Kosten seiner Heimatstadt wiederholt werden. Um solche Kosten zu vermeiden, stellte man Flötenspieler an, die so laut spielen sollten, daß die Umstehenden und die Götter nicht ganz so genau hören konnten, ob sich der Opfernde nicht versprach.

Caracalla, 197-217. Sesterz, 204. Rv. COS LVD SAEC FEC Caracalla über brennendem Altar aus Patera opfernd, neben ihm Opferschläger mit Schwein, Bacchus und Hercules; im Feld links liegende Tellus. RIC 418. Aus Auktion Gorny & Mosch 138 (2005), 2226.

Caracalla, 197-217. Sesterz, 204. Rv. COS LVD SAEC FEC Caracalla über brennendem Altar aus Patera opfernd, neben ihm Opferschläger mit Schwein, Bacchus und Hercules; im Feld links liegende Tellus. RIC 418. Aus Auktion Gorny & Mosch 138 (2005), 2226.

In der dritten Nacht wurde der Mutter Erde auf dem Campus Martius eine trächtige Sau geopfert.
Und die Zeremonien endeten am dritten Tag, wenn den göttlichen Geschwistern Apollo und Diana Kuchen dargebracht wurde. 27 Jungen und 27 Mädchen sangen danach das Carmen Saeculare und zogen – während sie es sangen – in einer Prozession vom Palatin zum Kapitol. Das alte Saeculum war vergangen und entsühnt, das neue hatte begonnen und die Menschheit konnte von neuem anfangen.

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