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Das Prager Münzkonsortium

von Ursula Kampmann

3. Oktober 2013 – Jede Zeit schreibt ihre eigene Geschichte. Und ist es in einer Zeit, die beherrscht wird von der fast kultischen Verehrung des Bruttosozialprodukts, merkwürdig, wenn die Wirtschaftsgeschichte einen völlig neuen Stellenwert in der Forschung erhält? In den vergangenen Monaten sind eine Reihe von Büchern entstanden, die unser Bild von der Geschichte modifiziert haben, indem auf den wirtschaftlichen Hintergrund der „großen Politik“ verwiesen wurde. Ich möchte nur erinnern an Philipp Rössners umfangreiche Studie zum Geld im Zeitalter der Reformation und zu der historischen Rolle, die eine massive Geldverschlechterung für die Bauernkriege spielte. Oder an die derzeit noch laufende Ausstellung Tatort Tirol, in der die Rolle jüdischer Financiers bei der Übernahme der Herrschaft Tirols durch den Habsburger Rudolf IV. neu bewertet wird. Nun hat ein anderer junger Wissenschaftler den Faden aufgenommen. Diesmal geht es um die Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges, als ein Kaiser neue Wege gehen musste, um seinen Krieg zu finanzieren.

Steffen Leins, Das Prager Münzkonsortium 1622/23. Ein Kapitalgeschäft im Dreißigjährigen Krieg am Rand der Katastrophe. Aschendorff Verlag, Münster, 2013. 208 S., Abbildungen in Schwarz-Weiß. Paperback, Klebebindung, 23 x 14,5 cm. ISBN: 978-3-402-12951-7. 29 Euro.

Steffen Leins, Das Prager Münzkonsortium 1622/23. Ein Kapitalgeschäft im Dreißigjährigen Krieg am Rand der Katastrophe. Aschendorff Verlag, Münster, 2013. 208 S., Abbildungen in Schwarz-Weiß. Paperback, Klebebindung, 23 x 14,5 cm. ISBN: 978-3-402-12951-7. 29 Euro.

Nach dem Sieg in der Schlacht am Weißen Berg 1620 über den so genannten „Winterkönig“ stand Ferdinand II. vor geradezu unlösbaren finanziellen Problemen. Mal abgesehen von den laufenden Zahlungen für das riesige Heer, brauchte er Geld, um den ausstehenden Sold der Soldaten zu zahlen, die entlassen werden sollten. Gleichzeitig nahm die Finanzkammer wegen des Krieges kaum Steuern aus dem eigentlich reichen Böhmen und Ungarn ein. Also musste die kaiserliche Verwaltung kreativ überlegen, wie sie sehr schnell zu Geld kommen könnte.

Die Lösung bot ein Konsortium von erfahrenen Unternehmern in Sachen Krieg und Kriegsfinanzierung. Es handelte sich um 16 Adlige, untereinander zum Teil verwandt, zum Teil eng geschäftlich verbündet, die gemeinsam große Geschäfte und große Politik trieben. Einer von ihnen war der bekannte Albrecht von Wallenstein, der seine Rolle noch im 30jährigen Krieg spielen sollte. Steffen Leins stellt diese 16 Männer erstmals in seinem Buch vor, beleuchtet ihren sozialen Hintergrund und ihre politische Vorgehensweise.

Ob der Vorschlag zur Behebung des finanziellen Engpasses von Seiten des Kaisers an das Konsortium herangetragen wurde, oder ob das Konsortium selbst die Details einer möglichen Finanzierung ausarbeitete, das lässt sich anhand der Quellen nicht mehr nachvollziehen. Aber einiges über die Verhandlungen, über Fürsprecher und Skeptiker, finden wir in zeitgenössischen Dokumenten. Auf jeden Fall ist uns der Vertrag erhalten, der aussagt, dass der Kaiser gegen sechs Millionen Gulden für ein Jahr sein Münzregal in Böhmen, Mähren und Niederösterreich an das Münzkonsortium verpachtete. Steffen Leins ediert den kompletten Text in einer kommentierten Version im Anhang seines Buches.

Ferdinand II. Kipper-12 Kreuzer 1621, Wien. Aus Auktion Künker 175 (2010), 3211.

Ferdinand II. Kipper-12 Kreuzer 1621, Wien. Aus Auktion Künker 175 (2010), 3211.

Nun wendet sich der Autor der praktischen Seite zu, den Vertragsbestimmungen und ihrer Ausführung. Was er zusammengetragen hat, beleuchtet in unglaublich detaillierter Art und Weise, wie zu Beginn der frühen Neuzeit der europäische Silberhandel funktionierte. Er schlüsselt vorbildlich auf, welche riesige Mengen des edlen Metalls zu schlechten Münzen – schlechteren als im Vertrag vereinbart – ausgeprägt wurden. In vielen Auktionen tauchen diese Kipper- und Wippermünzen auf! Aber was für eine durchorganisierte Struktur dahinterstehen musste, um gutes Geld aufzukaufen und gegen schlechtes Geld auszutauschen, das begreift man erst bei der Lektüre dieses Buchs.

Hatte das Konsortium seine Gewinne bei diesem Handel sorgsam berechnet, die wirtschaftlichen Folgen der rapiden Münzverschlechterung hatte es nicht bedacht. Es kam zu einer galoppierenden Inflation, einer Krise von Wirtschaft und Handel sowie einer großen Hungersnot, die genau das auslöste, was der Kaiser jetzt gar nicht brauchen konnte: Aufstände und Rebellionen. Der Kaiser selbst fühlte sich getäuscht und betrogen und versuchte in einer Reihe von langwierigen Prozessen einen Schuldigen haftbar zu machen. Es gelang ihm nicht. Bei diesem Vertrag zur Kriegsfinanzierung hatte er, der Herrscher, am kürzeren Hebel gesessen; die Familien Wallenstein, Liechtenstein und Eggenberg verdankten ihren märchenhaften Reichtum ihren Gewinnen aus dem Vertrag und den gewaltigen Gebieten, die sie zum niedrigen Preis für schlechtes Geld von der kaiserlichen Kasse gekauft hatten.

Fassen wir den Eindruck zusammen, den dieses großartige Buch hinterlässt. Es ist – obwohl die Wirtschaft im Vordergrund steht – sehr gut zu lesen, schlägt immer wieder den Bogen zu den historischen Ereignissen und bettet das Geschehen in den zeitgenössischen Hintergrund ein. Natürlich ist es kein „numismatisches“ Buch. Die Münzen stehen nicht im Vordergrund. Es gibt weder Katalog und nur eine einzige Münzabbildung. Nichtsdestotrotz wäre ich froh, wenn mehr Numismatiker diese Genauigkeit an den Tag legen würden, wenn es um die Auswertung der zeitgenössischen Quellen geht. Ich würde das Buch also jedem empfehlen, der Numismatik betreibt, allein schon um ihn auf den Reichtum aufmerksam zu machen, der in Archiven schlummert. Dazu bietet sich das Buch für all die Sammler an, die Kipper- und Wippermünzen in ihrer Sammlung liegen haben, und gerne mehr über den historischen Hintergrund erfahren würden.

Bestellen können Sie das Buch hier.

Bei Clio finden Sie eine Zusammenstellung der bisherigen Publikationen von Steffen Leins sowie die Liste der Preise, die er für seine Magisterarbeit erhalten hat. Für seine Dissertation beschäftigt er sich mit „Peter Melander von Holzappel – Selbstinszenierung, Seitenwechsel und soziale Mobilität eines Militärunternehmers im späten Dreißigjährigen Krieg“. Wir haben von Herrn Leins also noch viel zu erwarten.

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