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Das Phänomen der Méreaux

von Ursula Kampmann

3. Oktober 2013 – Es ist immer wieder spannend, was alles zum Gebiet der Numismatik gehört. Von der Hundemarke bis zum Casino-Jeton, alles was klein und rund ist, scheint in Münzkabinette zu gehören. So werden auch Méreaux in Münz-Auktionskatalogen angeboten. Dabei handelt es sich um religionsgeschichtlich hochinteressante Marken, die weit über die Numismatik hinausweisen. Mit solchen Stücken könnte man einst sein Recht auf eine Teilnahme am kalvinistischen Gottesdienst beweisen. Nun hat Jochen Desel einen vollständigen Katalog der deutschen Méreaux publiziert, der in einer numismatischen Bibliothek zum Bestimmen von Münzen, Medaillen und eben auch Marken nicht fehlen darf.

Jochen Desel, Zugang zum Abendmahl. Méreaux im deutschen Refuge und in anderen deutschsprachigen Gemeinden, Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V. 49. Verlag der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V., Bad Karlshafen, 2013. 110 S., Abbildungen in Schwarz-Weiß. Paperback, Klebebindung, 24 x 17 cm. ISBN: 978-3-930481-36-1. 14,80 Euro zzgl. Porto.

Jochen Desel, Zugang zum Abendmahl. Méreaux im deutschen Refuge und in anderen deutschsprachigen Gemeinden, Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V. 49. Verlag der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V., Bad Karlshafen, 2013. 110 S., Abbildungen in Schwarz-Weiß. Paperback, Klebebindung, 24 x 17 cm. ISBN: 978-3-930481-36-1. 14,80 Euro zzgl. Porto.

Das knapp über 100 Seiten umfassende Heft ist in zwei Teile aufgegliedert. Im ersten Teil beschäftigt sich der Autor mit Geschichte und Bedeutung der Méreaux. Diese Marken gehen auf Calvin zurück, der es für wichtig erachtete, den Zugang zum Abendmahl nur den Gläubigen zu gestatten, die sich durch ihre Lebensführung dessen würdig gemacht hatten. Etwa seit 1561 verbreiteten sich Méreaux vor allem in den französischen Gemeinden der Hugenotten. Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar besuchte 1613/4 einen Gottesdienst in Paris und überlieferte, wie diese Zeichen eingesetzt wurden (übersetzt in modernes Deutsch): „… So ging einer nach dem anderen zu dem besagten Tisch. Ungefähr drei Schritte vor jedem [Tisch] stand ein Mann, dem gab ein jeder sein Zeichen, das aus unedlem Metall gemacht war. Denn wer die Kommunion nehmen will, muss sich in Paris zuerst beim Priester anmelden und ein Zeichen von ihm erhalten; es wird keiner zugelassen, der nicht ein Zeichen hergibt. Hinter dem Tisch stand der Priester und ein Ältester oder Kirchenvorstand bei ihm. Der Priester hatte eine große Schüssel mit langen Stückchen Brot vor sich, der Kirchenvorstand aber zwei kleine Gläser mit Wein. Wer nun sein Zeichen abgegeben hatte, ging danach zum Tisch …“

Méreaux verbreiteten sich überall, wo die kalvinistische Form des Gottesdienstes gefeiert wurde, auch in Deutschland. Ihrer dortigen Benutzung widmet der Autor einen Teil seiner Publikation. So wurden sie verwendet, um die Gemeinde besser unter Kontrolle zu halten: widerborstige Mitglieder erhielten keine Marke und damit keinen Zugang zum Abendmahl. Dazu dienten sie für statistische Zwecke und gelegentlich zur Erhebung einer milden Gabe, wenn die Marken ausgegeben wurden. Dazu beschäftigt sich Jochen Desel mit ihrer Herstellung und der Ikonographie, ehe er den Katalogteil beginnt.

Alphabetisch listet er alle Gemeinden, in denen Méreaux benutzt wurden. Sofern die Stücke real und nicht nur in der Literatur überliefert sind, bildet sie der Autor ab, beschreibt sie und gibt dazu einen Kommentar, was über diese speziellen Stücke bekannt ist. So zeigt zum Beispiel das Titelstück, ein Méreau der wallonisch-reformierten Gemeinde von Magdeburg zwei Hände, die gemeinsam einen Palmzweig halten. Darüber schwebt ein geflügeltes Herz, dem ebenfalls ein Palmzweig entsprießt. Diese Stücke brachten die Kirchenältesten vor dem Abendmahl in die Häuser der Gläubigen, nicht ohne bei der Gelegenheit die Spendenbüchse hervorzuholen. Erst 1720 wurde beschlossen, dass die Méreaux nun von den Gläubigen persönlich im Pfarrhaus abgeholt werden mussten, weil die Kirchenältesten bei ihren Hausbesuchen zuweilen ärgerliche Worte zu hören bekommen hatten, und die Zeichen sogar zurückgewiesen worden seien. Allerdings hatte diese Maßnahme keinen Erfolg. Rund 18 Jahre später richtete man wieder einen „Bringdienst“ ein, weil so mehr Geld in die Armenkasse kam. Außerdem würden die Hausbesuche die Möglichkeit bieten, „erregte Gemüter“ zu beruhigen. Man lerne so die Verhältnisse der Armen besser kennen und könne sich davon überzeugen, dass die Kinder wohl erzogen werden.
So gibt der Kommentar zu diesen interessanten Marken einen Einblick in die deutsche Frömmigkeitsgeschichte, den man so wohl nicht erwartet hätte …

Verdienst des Autors ist es, dieses umfangreiche Material zusammengetragen und übersichtlich zusammengestellt zu haben. Nur 14,80 Euro kostet der Katalog. Und es wäre schön, wenn das Büchlein seinen Weg auch in viele numismatische Bibliotheken fände.

Bestellen können Sie den Katalog hier.

Außerdem bietet die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft ihre Publikation zu den Deutschen Hugenotten und Waldenser-Medaillen derzeit verbilligt für 6 Euro an.

Hier geht’s zur Homepage der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft.

Und es gibt in Bad Karlshafen sogar ein eigenes Hugenotten-Museum.

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